So viel Wein auf einem Fleck, das macht ganz schön durstig. Egal ob rot, weiss oder
rosé: an der Mustermesse Basel (muba) ist für jedermann etwas dabei. Doch mit dem
blossen Anschauen ist es noch nicht getan, nein, schliesslich sieht man einem
Wein ja nicht an, ob er schmeckt oder nicht! Die Lösung ist einfach:
Degustieren.
So einfach ist es dann aber doch nicht. Zu zweit haben wir
uns am Wochenende aufgemacht, in die heilige Halle 2.2, zu den Weinliebhabern.
Endlich wollten wir auch einmal dazusitzen und über erlesene Tropfen fachsimpeln, und das erst
noch gratis, versteht sich. Doch wie fachsimpelt man über etwas, von dem man
aber sowas von gar nichts versteht? Wie bringst du einen Verkäufer dazu, dir
die besten Weine aufzutischen, ohne dass dieser merkt, dass du ja sowieso keine
einzige seiner Flaschen kaufen wirst? Und wie spreche ich diese Traubensaft-Kenner
überhaupt an? „Hallo, ich würde gerne gratis deinen Wein saufen?“ Oh nein, meine Lieben, so einfach ist das
nicht! Man braucht dafür eine Taktik, Körperbeherrschung und eine gute Portion
Skrupellosigkeit. Und das ist genau der Punkt: Zwei anständige, gut erzogene
Landeier wollen in der grossen Stadt die Skrupellosen spielen. Wir habens
versucht, und zwar mit Erfolg! Hier unser Schlachtplan:
Zuerst brauchst du eine Story. Und zwar nicht einfach
irgendeine Story, nein, es muss eine glaubwürdige, einfache und alltagsnahe
Story sein. Lücken und Fehler darin sind gleichbedeutend mit Scham,
Peinlichkeit und einer Degradierung sondergleichen. Folgende Optionen standen
uns nach langwieriger Diskussion zur Wahl: Die „Wir haben keine Ahnung von Wein
und würden uns gerne belehren lassen“-Nummer, die „Wir haben gerade eine WG
gegründet und möchten unseren Weinkeller füllen“-Nummer, oder die „Mein Kollege
heiratet und wir suchen einen passenden Wein“-Nummer. Nummer eins ist
wahnsinnig ehrlich, glaubwürdig und beinhaltet keinerlei Fettnäpfchen. Aber sie
hat einen grossen Haken: Welcher Weinverkäufer verbringt schon gerne einen
halben Nachmittag mit zwei Laien, währenddessen seine Arbeitskollegen ihre
Provision mit unzähligen verkauften Flaschen in die Höhe treiben. Und den guten
Wein, den richtig guten, den servierst du bestimmt nicht diesen zwei Idioten!
Nummer eins also war schnell gestorben.
Nummer zwei, die WG-Nummer. Wer einen
Weinkeller hat, der hat bestimmt auch ein wenig Ahnung von der Materie. Trotzdem
hätten wir uns aber noch als Anfänger geben können, um peinlichen
Fachausdruck-Schlachten aus dem Weg zu gehen. Aber mal ehrlich: Welche WG hat
schon einen Weinkeller? Und in einer WG leben oftmals zwei Studenten die mit
ihrem Budget gerade mal so über die Runden kommen. Würdest du so jemanden den
19.90 CHF Kochwein probieren lassen oder doch eher den 84.50 CHF teuren
Spezialwein aus Südafrika? Eben. Zwei auch tot.
Bleibt noch die Drei. Die
Geschichte mit der Hochzeit. Traumhaft! Ja wann leistet sich denn auch ein
finanziell limitierter Student einmal eine gute Flasche? Natürlich, zur
Hochzeit! Schliesslich will er seine Zukünftige ja nicht enttäuschen, und deren
Eltern schon gar nicht! Zudem kauft man für die Hochzeit nicht einfach den erst
besten Wein, nein, man vergleicht, man testet, man, achtung, degustiert! Ja
genau, man degustiert!
Zack! Dem ersten Typen die Geschichte erzählt und schon
sitzen wir am kleinen Tischlein. Ein dunkelhäutiger, gepflegter und humorvoller
Verkäufer, natürlich im Anzug, wird uns bei der Wahl behilflich sein. „Weiss,
rot oder rosé?“. Shit, das hatten wir uns nicht überlegt. Kannst ja nicht
einfach zu einem Rundumschlag ausholen und dich mal so durch die ganze Karte
trinken. Wir hätten präziser sein sollen. Solange aber nur einer redet, ist es
ja kein Problem, da muss man halt spontan sein. „Weiss, wir suchen einen
Apéro-Wein“. Ja meine Güte, was zaubert denn da mein Kollege für eine herrliche
Antwort aus dem Hut? „Mögt ihr trockenen Wein? Gerne etwas fruchtig oder süss?
Darf er etwas Säure haben?“ So. Jetzt hast du den Salat. Aber halt, da gibt es
ja immer noch die „Ich habe keine Ahnung“-Nummer. Wieso nicht einfach ehrlich
sein? Einer der Heiratet ist nicht sofort ein Weinkenner. „Schwierig…wir kennen
uns halt nicht so aus. Ich kann dir höchstens sagen ob mir ein Wein schmeckt
oder nicht…beim „Wieso“ wird’s dann etwas schwieriger“. Kein Problem, mein der
Verkäufer, und tischt uns in der Folge alles auf was wir nur so möchten.
Zuerst
den günstigen natürlich. „Das ist ja jetzt eher der günstige Wein, der schmeckt
mir eigentlich ganz gut, aber ich würde jetzt gerne mal zum Vergleich einen
teuren versuchen, nur um zu sehen, ob es sich lohnt, etwas mehr zu investieren“.
Grandios! Oscar-Reif! Der Typ steht auf und greift in den Kühlschrank. 36 CHF
kostet der schon. Herrlich läuft der den Hals hinunter, zwar nicht viel besser
als der günstige, aber halt teurer! Schlussendlich lassen wir uns vorrechnen
was das Ganze für eine Gesellschaft von 100 Gästen kosten würde, verlangen eine
Offerte und verabschieden uns höflich.
Das Ganze wiederholt sich nun noch etwa
fünf Mal, glaube ich jedenfalls, so richtig kann ich es nicht mehr sagen, da
kommt halt dann schon einiges an Alkohol zusammen an einem Samstagnachmittag.
Jedenfalls passen wir die Geschichte immer wieder etwas an: Den Rotwein suchen
wir nämlich für den Hauptgang, wo wir am liebsten gleich zwei Sorten zur
Auswahl anbieten möchten. Natürlich brauchen wir dann noch einen Dessertwein
und beim Walliser-Stand geben wir zu verstehen, dass wir bis jetzt nur teuren
Südafrikaner serviert bekommen hätten, und gerne auch einmal einen Schweizer
Wein versuchen würden, denn das sei ja wohl ökologisch viel sinnvoller! Ja
natürlich! Zack, hatten wir die Walliser-Dame auch schon am Haken!
Schlussendlich dürfen wir behaupten, nun nicht mehr blutige Anfänger, sondern ein klein wenig "fortgeschritten" zu sein. Wir können jetzt zwischen "leichtem" und "schwerem" Wein unterscheiden, kennen den Unterschied zwischen einem Weisswein mit viel Säure und einem ohne Säure und haben gemerkt, dass Schweizer Weisswein bestenfalls zum Kochen geeignet ist. Im nächsten Jahr greifen wir dann richtig an, dann wollen wir definitiv in die Gruppe der "Fortgeschrittenen" aufsteigen.
Und die Moral der Geschicht‘? Ohne Taktik geht es nicht!