Sonntagmorgen, 8:23, im Gang zwischen Zimmer und Toilette:
Die noch etwas schläfrige Blondine mit zerzaustem Haar schleicht sich vorsichtig
aus dem fremden Zimmer und macht sich auf den Weg ins Bad. Dann passierts:
Unverhofft tritt ein sichtlich überraschter Vater um die Ecke und blickt in
zwei von Peinlichkeit gezeichneten Augen. „Hallo, ich bin Jenny“, sagt das arme
Ding. „Hallo“, erwidert der Vater. Beide machen sich etwas Platz, Jenny
verschwindet im Bad und den Vater zieht es ins Büro.
Nicht unbedingt der schönste Moment im Leben beider
Protagonisten, aber in einem Haushalt mit erwachsenen Kindern wohl kaum zu
verhindern. Für den Vater mag das beim ersten Mal bestimmt unangenehm sein,
bald wird er sich aber daran gewöhnen und ja, sogar damit rechnen, dass seine
Kinder auch mal über Nacht besucht werden. Für die andere Seite wird es wohl
immer peinlich sein, egal aus welchem Zimmer sie schleichen, denn ein „neuer Vater“
bedeutet meist auch neue Peinlichkeit.
Diese Situation ist an sich nicht der Rede wert und sollte sowohl für Eltern als
auch für ihre erwachsenen Kinder bald kein Hindernis mehr darstellen. Ich
interessiere mich aber momentan mehr für die wenigen Worte, die in dieser
Situation reflexartig ausgesprochen wurden, und ihren mächtigen Einfluss auf
das zweite Aufeinandertreffen und vielleicht sogar dritte oder vierte.
Denn wie begrüssen sich die beiden nun, wenn sie sich später
wieder einmal treffen? Sagen wir, das
Ganze war keine einmalige Nummer und die Zwei treffen sich wieder, ganz normal
beim Eintreten durch die Haustür im Wohnzimmer. Duzt man sich? Siezt man sich?
Der Vater könnte „Hallo Jenny“ sagen, denn sie hat sich ja
mit Namen vorgestellt. Doch was sagt Jenny? Der Vater hat seinen Namen nicht
verraten. Möchte er nicht, dass Sie ihn mit Vornamen anspricht? Hat er einfach
vergessen, seinen Namen zu nennen? War das unanständig von ihm? Klar jedoch
ist: Sein „Hallo“ lässt nicht endgültig darauf schliessen, wie er es mit der
Ansprache handhaben möchte.
Ganz generell die Frage also: Wie haben Eltern die unbekannte
Person, die in ihrem Haus herumgeistert und von „zukünftige Schwiegertochter“
über „beste Kollegin“ bis hin zum einmalig angetroffenen „One-Night-Stand“
alles sein könnte, anzusprechen?
Der Vater Fritz Müller hat drei Möglichkeiten, um auf Jennys
„Hallo, ich bin Jenny“ zu antworten:
-
„Hallo, ich bin Fritz“
-
„Hallo, Müller mein Name“
-
„Hallo“
Bei den ersten zweien ist gibt er klar zu Ausdruck, ob er
gerne geduzt oder gesiezt werden möchte. Bei der dritten Variante bleibt dies,
wie bereits erwähnt, unklar.
Das die Varianten. Und wie sieht die Praxis aus?
Man kann es wohl als „üblich“ bezeichnen, dass Eltern die
Freunde oder Freundinnen ihrer Kinder duzen. Weiter kann man es auch als „üblich“
bezeichnen, dass jene Freunde oder Freundinnen die entsprechenden Eltern
siezen. Ganz normal? Ja, eigentlich schon. Solange wir mit „Kinder“ unmündige,
pubertierende Rabauken meinen, bei denen wohl kein Mensch auf die Idee kommen
würde, sie mit „Sie“ anzusprechen. Warum eigentlich nicht? Keine Ahnung, das
geht einfach nicht. Oder soll der Vater den 14-Jährigen Mike Müller, der zum
Spielen mit seinem Sohn zu besuch ist, etwa mit „Hallo Herr Müller“ ansprechen?
Aber diese „Kinder“ sind eben auch noch Kinder, wenn sie selbst 40 Jahre alt
sind. Und eine 40-jährige Person spricht man beim ersten Aufeinandertreffen
laut Benimm-Regeln nicht einfach so mit „Du“ an.
Also muss es irgendwann im Verlaufe des Lebens eines jeden
unmündigen, pubertierenden Rabauken einen Moment geben, in dem ein „Du“ nicht
mehr angebracht ist und als unständig empfunden wird. Das gilt dann natürlich
auch für die meist in etwa gleichaltrige Bekanntschaft des eigenen Kindes. In
diesem Fall also Jenny. Doch wann ist dieses Alter? Mit dem Erreichen der Volljährigkeit? Mit
20ig? 23ig? Vielleicht erst mit 30ig?
Ist der Vater mit der 20-Jährigen Jenny immer noch aus
Prinzip per „Du“, wie damals bei Mike Müller?
Grundsätzlich kann man sich ja schon fragen, wieso die
Eltern von Jenny erwarten dürfen, gesiezt zu werden, während sie selbst Jenny
duzen. Dieses Ungleichgewicht ist irgendwann einfach nicht mehr angebracht. Ich
würde sagen, dass dieses Alter zwischen 20ig und 25ig liegt.
Alles darunter gehört klar in das „du-und-sie“-Ungleichgewicht,
und das ist auch gut so. Alles was darüber liegt sollte dann auf einvernehmlichem
„Du“ oder „Sie“ basieren. Und alles was dazwischen liegt ist eben blöd und
unangenehm. Also darf man sich als Kind gerne auch mal mit den Eltern über
dieses Thema unterhalten.
Doch welche Variante ist nun angebracht?
Ein sofortiges „Du“ finde ich unangebracht. Vielleicht mag
es altbacken klingen, aber ich finde schon, dass das „Du“ ein gewisses Privileg
beinhaltet. Nicht jeder Mensch darf mich mit „Du“ ansprechen. Nur diejenigen,
die ich als „anständig“, „vertrauenswürdig“, „spannend“ usw. empfinde. Wenn man
das „Du“ also mit solchen Adjektiven verbindet, beinhaltet das Anbieten eines
solchen in gewisser Weise auch ein Kompliment, ist etwas intimes. Wieso sollte
der Vater im Flur einer unbekannten, schläfrigen Dame mit zerzaustem Haar also
das „Du“ anbieten?
Trotzdem ist es irgendwie etwas komisch, einer 20-Jährigen
Frau im eigenen Haus „Grüezi“ zu sagen. Auch aus der umgekehrten Perspektive:
Auch die 20-Jährigen müssen sich in diesem komischen Alter zuerst daran
gewöhnen, vermehrt gesiezt zu werden. Vielen ist es gar unangenehm, gesiezt zu
werden. Ein Leben lang wurden sie geduzt, von Lehrern, Vereins-Trainern, Eltern
usw. und plötzlich soll man sich im Gang dem „fremden Vater“ mit „Hallo, ich
bin Frau Lehner“ vorstellen? Da klingt ein „Hallo, ich bin Jenny“ doch gleich
viel viel vertrauter.
Und so liegt des Rätsels Lösung typisch Schweizerisch in der
Mitte. Denn es gibt eine elegante Art und Weise, wie man den respektvollen
Abstand des „Sie“ mit der vertrauten Nähe des „Du“ verbinden kann. „Hallo, ich
bin Jenny Lehner“, sagt die reflektierte Bekanntschaft und lässt somit dem
Vater, also der älteren Person, die Wahl, ob er sie duzen möchte oder nicht. „Grüezi,
Jenny“, antwortet der reflektierte Vater. Er zeigt somit an, dass er zwar nicht
geduzt werden möchte, lässt aber trotzdem etwas mehr Nähe zu als gewöhnlich.
Vielleicht fühlt sich zu Beginn auch diese Lösung für beide etwas ungewohnt an.
Und vielleicht scheint dir das Nachdenken über diese Situation völlig
übertrieben. Aber hey, wenn du das nächste Mal im Gang vor der Toilette dem „fremden
Vater“ begegnest, wirst du mir auf Ewig dankbar sein.