Montag, 8. Oktober 2012

25 Sekunden - oder warum ich in Liestal den Bus verpasste

Langsam fährt der Zug in Liestal ein. Ich schaue auf die Uhr: Es ist 18:35. „Jetzt aber vollgas“, denke ich mir und positioniere mich sicherheitshalber schon einmal an der Tür. Der Zug wird immer langsamer, bis er schlussendlich still steht und seine Türen öffnet. Im Tempo eines gehetzten Affen springe ich aus dem Wagon und schlängle mich wendig wie eine afrikanische Wüstenantilope durch die Unterführung hinüber zum Busbahnhof. Doch was ich hoffte, dort anzutreffen, war leider nicht (mehr) zu sehen. Der Bus der Linie 70, der mich normalerweise nach Bubendorf bringt, war weg. Aber warum? Gemäss Fahrplan startet der 70er-Bus um 18:35 und hätte doch eigentlich den gleichzeitig einfahrenden Zug sehen müssen?

Wie auch immer, die nächste halbe Stunde verbrachte ich vor Wut schäumend auf einer Sitzbank am Bahnhof Liestal. Da ich als Pendler solche Situationen, äusserst ärgerliche Situationen muss man dazu sagen, schon öfters erlebt habe, wollte ich der Sache auf den Grund gehen. Warum wartet ein Chauffeur gewisse Anschlüsse ab, während ein anderer dies nicht tut? Also habe ich mich bei der verantwortlichen Autobus AG Liestal gemeldet. Was ich dann als Antwort erhielt war derart horizonterweiternd, dass ich jedem Pendler empfehle, jetzt weiterzulesen.
Abwarten von Anschlüssen klar definiert
Die erste wichtige Erkenntnis: Das Abwarten von verspäteten Zügen ist nicht etwa ein willkürlicher Akt, je nach Lust und Laune des Buschauffeurs, sondern ist minutengenau definiert, wie die Antwort von René Hertner, Leiter Betrieb öffentlicher Verkehr der AAGL, zeigt:

„Die Anschlüsse sind über unser Betriebsleitsystem innerhalb zeitlicher Bereiche definiert. Im Zeitbereich 18 - 21 Uhr können Züge mit Einfahrt innerhalb 3 Minuten ab fahrplanmässiger Busabfahrt noch abgewartet werden. Der Bus der Linie 70 mit Abfahrt um 18.35 kann gemäss dieser Regel bis 18.38 warten. Züge mit Einfahrt bis 18.35 können demnach noch abgewartet werden. In diesen 3 Minuten Wartezeit ist die Umsteigezeit eingerechnet, und diese ist bei Zügen vom Perron 3 notwendig.“

So weit, so gut. Stellt sich noch die Frage, wie der entsprechende Buschauffeur denn weiss, ob ein Zug verspätet ist oder nicht. Auch hierzu hat Hertner die passende Antwort:

„Verspätungsmeldungen werden vom System automatisch generiert und via Datenfunk auf unsere Fahrzeuge übermittelt. Der beteiligte Fahrer erhielt um 18 Uhr 32 die Meldung auf sein Display im Fahrzeug: "IR Richtung Basel verspätet, Anschluss kann nicht abgewartet werden". So startete er korrekt um 18 Uhr 35. Diese Meldungen werden protokolliert und können jederzeit Überprüft werden.

„Grundsätzlich war die Meldung der SBB korrekt“
Okey, der Busfahrer hat die Meldung erhalten, dass der Zug verspätet sein WIRD. Die entscheidende Frage ist jetzt nur noch, wann der Zug denn tatsächlich eingefahren IST. Und genau da liegt der Hund begraben:

 „Die Zugseinfahrt erfolgte dann um 18 Uhr 35' 25". Grundsätzlich war die Meldung der SBB korrekt.“


Auf der Strecke Luzern – Basel beispielsweise sind unzählige Signalanlagen platziert. So ist es den SBB möglich, jederzeit über Verspätungen im Bild zu sein.
Obwohl die Einfahrtszeit sekundengenau angegeben wird, ist mit einer Toleranz von +/- 30 Sekunden zu rechnen. Der Wert wird nämlich beim Überfahren einer Signalanlage generiert und nicht direkt bei Stillstand des Zuges. Dem scharfsinnigen Beobachter fällt jetzt auf, dass bei 30 Sekunden Toleranz und einer Verspätung von 25 Sekunden die klitzekleine Möglichkeit bestünde, dass der Buschauffeur zu früh abgefahren war. Aber wollen wir mal nicht so sein (hätte mich jemand an besagtem Abend gefragt, ob wir denn so sein wollen, ich glaube, eventuell, vielleicht, wäre meine Antwort anders ausgefallen).

Heute jedoch steht für mich fest: das System hat recht. Auch wenn der Zug um 18 Uhr 35‘ und 01‘‘ eingefahren wäre, wäre er gemäss Richtlinien der AAGL zu spät gewesen, um die Einfahrt abzuwarten. Also braucht man 24 Sekunden später gar nicht erst zu diskutieren, ob der Chauffeur hätte warten sollen oder nicht.

Irgendwie wünsche ich mir in solchen Momenten trotzdem den „alten“ Buschauffeur zurück. Den mit dem gesunden Menschenverstand, der kurz vor Abfahrt nochmals aufs Gleis schielt und so wohl bemerkt hätte, dass gerade der verspätete Interregio eingefahren ist.

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