Etappe 3:
Holzbett, rotweiss karierte Bettdecken und eine beinahe
antike Lampe auf einem kleinen Holztisch in der Ecke: So stellt man sich ein
gemütliches Chalet-Zimmer vor. In einem solchen durften wir nach den schier
unmöglichen Strapazen des Vortages eine äusserst erholsame Nacht verbringen,
was auch bitter nötig war, denn heute galt es unser Meisterstück zu vollenden: Nichts
wollten wir mehr, als das langersehnte Foto auf der Passhöhe des Gotthards.
Die Jugendherberge Hospental befindet sich direkt am Anfang
der Passstrasse über den Gotthard, so dass es gerade einmal geschätzte sechs
Sekunden dauerte, bis uns ein Schild freundlich darauf aufmerksam machte, dass
wir in den nächsten neun Kilometern nochmals 603 Höhenmeter zu überwinden
hatten. Kann man denn schöner in einen Tag starten als mit einer solchen
Information? Ja, man kann.
Der grosse und entscheidende Unterschied zum mörderischen
Aufstieg des Vortages jedoch war, dass wir ausgeschlafen und einigermassen voll
bei Kräften in die Pedale treten konnten. Diesmal würde es also weniger eine
physische als eine psychische Herausforderung werden, sich wieder einmal knapp
zwei Stunden gegen den Berg zu stemmen. Links; rechts; links; rechts – immer
und immer weiter schlängelten wir uns den Pass hinauf und trotz eigentlich angenehmer
Morgentemperaturen, floss der Schweiss wie aus Kübeln. Der Blick nach oben
wollte irgendwie nicht so recht verraten, ob die nächste Kurve eventuell die
letzte sein könnte oder bloss der Anfang eines noch etwas steileren
Teilstückes. Lächerliche 5,5 Stundenkilometer „schnell“ waren wir
durchschnittlich unterwegs und langsam aber sicher war die Geduld am Ende.
| Blick nach hinten. |
Sogar der ansonsten stets musikfreie Jonas („Ich ha nur mi
Willä, das längt!“) steckte sich nun seine Kopfhörer in die Ohren, um seine
Gedanken weg vom niemals-enden-wollenden Aufstieg zu lenken. Und dann plötzlich, nach der Ausfahrt aus
einem kalten Tunnel, schien die Strasse weit oben am Horizont irgendwie
abzuflachen und bog links hinter einen Felsvorsprung ab. Ist es das? Ist es
tatsächlich das, was ich glaube? Steht hinter diesem verdammten Felsen endlich
dieses Schild?
In solchen Momenten zeigt sich dann wieder, wie sehr unser
Körper von unseren Gedanken gelenkt wird, denn vom einen auf den anderen Moment
war es plötzlich möglich, das Tempo trotz schmerzender Oberschenkel etwas zu
verschärfen. Als wären die letzten eineinhalb Stunden vergessen, zog es uns
dank des nun aufkommenden Hoffnungsschimmers förmlich den Berg hinauf. Im Bauch
ein Gefühl, dass man sonst nur als Kind kennt, und zwar genau in dem Moment, in
dem Mami das definitive OK gibt: „Ja, wir fahren morgen in den Europapark“. Es
kann sich nur noch um Sekunden handeln: Entweder treffen wir auf das Schild,
oder es handelt sich einfach nur um eine weitere Kurve auf dem Weg nach oben.
Und da stand es. Zuerst ganz klein, weit weg und kaum zu
erkennen. Aber wir fühlten es. Es muss es sein. Dann wurde es immer grösser,
das Blau war nun klar zu erkennen und nach weiteren fünfzig Metern konnten wir
es lesen: Gotthardpass, 2106 Meter.
| Geschafft! |
Gut eine Stunde nahmen wir uns nun Zeit, diesen Moment
entsprechend zu geniessen. Erst dann liessen wir wieder Gedanken an die
Weiterfahrt zu. Und genau jetzt kam das grosse Problem: Ja, wir hatten den
Gotthardpass besiegt, aber was wir dabei völlig vergessen hatten war die
Tatsache, dass uns heute die längste Etappe der Tour bevorstehend würde. Hatten
wir bisher einmal 94 km und einmal 97 hinter uns gebracht, so waren es heute
satte 124 Kilometer bis nach Lugano. Zieht man also die nun bereits geleisteten
neun Kilometer ab, so wären dies noch genau 115 Kilometer bis zum Tour-Ende.
Und da wären wir wieder beim Mentalen: Freude macht eine solche Erkenntnis
nicht zwingend in allen Fällen…
Trotzdem: Das Wetter war gut, der Tag noch jung und die
Freude über die Gotthard-Besteigung noch immer gross, so dass wir uns
einigermassen gut gelaunt in die Abfahrt stürzten. Denn wer auf 2106 Meter
hochkrachseln kann, der darf anschliessend auch wieder so ziemlich lange bergab
sausen!
Die ersten Meter der Abfahrt legt man auf der altehrwürdigen
Via Tremola zurück. Dies ist eine Pflastersteinstrasse, deren Geschichte weit
ins Mittelalter zurückreicht. Unterdessen ist die Strasse aber bereits mehrmals
saniert und ausgebaut worden. Trotzdem hat die Strasse nur wenig von ihrem
Scharm verloren und passt ausgezeichnet ins Landschaftsbild. Zusammen mit Sonne
satt sieht das dann etwas so aus:
| Jonny auf der Via Tremola. |
Nun liessen die steilen Abfahrten langsam aber sicher nach
und es wurde immer flacher. Unser stetiger ungebetener Gast, der heftige
Gegenwind, gestaltete die anschliessende Fahrt entlang des „Ticino“-Flusses
nicht sonderlich angenehm. Um punkt 13:00 Uhr fuhren wir dann, nach gut 60
zurückgelegten Kilometern, in Biasca ein. Dort genehmigten wir uns eine leckere
Pizza.
Ähnlich mühsam war dann die Strecke zwischen Biasca und
Bellinzona, welche vergleichbar war mit den Strecken Stansstad-Beckenried oder
Aarau-Sursee, die wir an den Tagen zuvor zurücklegen „durften“. Die Natur hatte
auf diesen Teilstücken einfach nicht viel Spektakuläres zu bieten und auch die
Streckenführung war mit vielen Geraden nicht sonderlich spannend.
Nach viel Kampf und Tretarbeit kamen wir am späteren
Nachmittag am Fusse des Monte Ceneri an. Dieser Pass verbindet als einzige
innerschweizerische Möglichkeit den nördlichen Kantonsteil des Tessins, rund um
Bellinzona, mit dem südlichen Teil. Was so einfach klingt, ist in Tat und
Wahrheit ein weiterer heftiger Aufstieg, welcher uns auf neun Kilometern
nochmals gut 300 Höhenmeter klettern liess, und dies bei Temperaturen um die 35
Grad und mit mittlerweile gut 270 Kilometern in den Knochen.
Mit der letzten Willensleistung unserer Tour überquerten wir
dann auch dieses Hindernis und fanden uns um ca. 17:45 Uhrauf der Passhöhe des
Monte Ceneri wieder.
Die letzten 20 Kilometer bis nach Lugano entwickelten sich
dann zum Wettlauf gegen die Zeit. Da unsere Fahrräder bis spätestens 18:30 Uhr
am Bahnhof Lugano abgegeben sein mussten, war ein Schnitt von gut 25 km/h pro
Stunde nötig, um rechtzeitig am Schalter einzutreffen. Anstatt wie geplant
gemütlich nach Lugano zu gondeln, radelten wir wie von der Tarantel gestochen
in Richtung Lugano. Schliesslich in Lugano angekommen, mit Puls weit über dem
Normalwert, kämpften wir uns mit halsbrecherischen Manövern die Via Cantonale
hinab, vorbei an der um diese Zeit stehenden Blechschlange, und kamen um 18:20
am Bahnhof an. Phu, nochmals Glück gehabt. Gerade noch rechtzeitig konnten wir
die Velos deponieren und unseren aufgegebenen Koffer in Empfang nehmen.
Es dauerte dann eine geschlagene Stunde bis wir so richtig
realisierten, dass wir ja jetzt tatsächlich in Lugano angekommen waren. 300
Kilometer später, über 3500 Höhenmeter weiter. Wow.
Was bleibt sind unzählige Erinnerungen an traumhafte
Landschaftsbilder rund um die wunderschönen Seen und Berge der Schweiz, viele
Stunden der totalen Erschöpfung und die Erinnerung an den Husarenritt unseres
Lebens.
| Flanieren in Lugano... |
| Wenn sich das jemand verdient hat, dann wohl wir... |
| Sommer, Sonne, Strand: Nach drei Tagen Arbeit folgten zwei der Erholung am Lido di Lugano. |
Kilometer: 124
km
Durchschnittsgeschw. 18.3 km/h
Fahrzeit: 8 Stunden
Reisezeit: 10,5 Stunden
Durchschnittsgeschw. 18.3 km/h
Fahrzeit: 8 Stunden
Reisezeit: 10,5 Stunden
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