Dienstag, 7. August 2012

Drei Tage, zwei Freunde, ein Ziel: Einmal quer durch die Schweiz (Teil 3)


Etappe 3:

Holzbett, rotweiss karierte Bettdecken und eine beinahe antike Lampe auf einem kleinen Holztisch in der Ecke: So stellt man sich ein gemütliches Chalet-Zimmer vor. In einem solchen durften wir nach den schier unmöglichen Strapazen des Vortages eine äusserst erholsame Nacht verbringen, was auch bitter nötig war, denn heute galt es unser Meisterstück zu vollenden: Nichts wollten wir mehr, als das langersehnte Foto auf der Passhöhe des Gotthards. 

Die Jugendherberge Hospental befindet sich direkt am Anfang der Passstrasse über den Gotthard, so dass es gerade einmal geschätzte sechs Sekunden dauerte, bis uns ein Schild freundlich darauf aufmerksam machte, dass wir in den nächsten neun Kilometern nochmals 603 Höhenmeter zu überwinden hatten. Kann man denn schöner in einen Tag starten als mit einer solchen Information? Ja, man kann.

Der grosse und entscheidende Unterschied zum mörderischen Aufstieg des Vortages jedoch war, dass wir ausgeschlafen und einigermassen voll bei Kräften in die Pedale treten konnten. Diesmal würde es also weniger eine physische als eine psychische Herausforderung werden, sich wieder einmal knapp zwei Stunden gegen den Berg zu stemmen. Links; rechts; links; rechts – immer und immer weiter schlängelten wir uns den Pass hinauf und trotz eigentlich angenehmer Morgentemperaturen, floss der Schweiss wie aus Kübeln. Der Blick nach oben wollte irgendwie nicht so recht verraten, ob die nächste Kurve eventuell die letzte sein könnte oder bloss der Anfang eines noch etwas steileren Teilstückes. Lächerliche 5,5 Stundenkilometer „schnell“ waren wir durchschnittlich unterwegs und langsam aber sicher war die Geduld am Ende. 

Blick nach hinten.
Sogar der ansonsten stets musikfreie Jonas („Ich ha nur mi Willä, das längt!“) steckte sich nun seine Kopfhörer in die Ohren, um seine Gedanken weg vom niemals-enden-wollenden Aufstieg zu lenken.  Und dann plötzlich, nach der Ausfahrt aus einem kalten Tunnel, schien die Strasse weit oben am Horizont irgendwie abzuflachen und bog links hinter einen Felsvorsprung ab. Ist es das? Ist es tatsächlich das, was ich glaube? Steht hinter diesem verdammten Felsen endlich dieses Schild? 

In solchen Momenten zeigt sich dann wieder, wie sehr unser Körper von unseren Gedanken gelenkt wird, denn vom einen auf den anderen Moment war es plötzlich möglich, das Tempo trotz schmerzender Oberschenkel etwas zu verschärfen. Als wären die letzten eineinhalb Stunden vergessen, zog es uns dank des nun aufkommenden Hoffnungsschimmers förmlich den Berg hinauf. Im Bauch ein Gefühl, dass man sonst nur als Kind kennt, und zwar genau in dem Moment, in dem Mami das definitive OK gibt: „Ja, wir fahren morgen in den Europapark“. Es kann sich nur noch um Sekunden handeln: Entweder treffen wir auf das Schild, oder es handelt sich einfach nur um eine weitere Kurve auf dem Weg nach oben. 

Und da stand es. Zuerst ganz klein, weit weg und kaum zu erkennen. Aber wir fühlten es. Es muss es sein. Dann wurde es immer grösser, das Blau war nun klar zu erkennen und nach weiteren fünfzig Metern konnten wir es lesen: Gotthardpass, 2106 Meter.

Geschafft!
Gut eine Stunde nahmen wir uns nun Zeit, diesen Moment entsprechend zu geniessen. Erst dann liessen wir wieder Gedanken an die Weiterfahrt zu. Und genau jetzt kam das grosse Problem: Ja, wir hatten den Gotthardpass besiegt, aber was wir dabei völlig vergessen hatten war die Tatsache, dass uns heute die längste Etappe der Tour bevorstehend würde. Hatten wir bisher einmal 94 km und einmal 97 hinter uns gebracht, so waren es heute satte 124 Kilometer bis nach Lugano. Zieht man also die nun bereits geleisteten neun Kilometer ab, so wären dies noch genau 115 Kilometer bis zum Tour-Ende. Und da wären wir wieder beim Mentalen: Freude macht eine solche Erkenntnis nicht zwingend in allen Fällen…

Trotzdem: Das Wetter war gut, der Tag noch jung und die Freude über die Gotthard-Besteigung noch immer gross, so dass wir uns einigermassen gut gelaunt in die Abfahrt stürzten. Denn wer auf 2106 Meter hochkrachseln kann, der darf anschliessend auch wieder so ziemlich lange bergab sausen! 

Die ersten Meter der Abfahrt legt man auf der altehrwürdigen Via Tremola zurück. Dies ist eine Pflastersteinstrasse, deren Geschichte weit ins Mittelalter zurückreicht. Unterdessen ist die Strasse aber bereits mehrmals saniert und ausgebaut worden. Trotzdem hat die Strasse nur wenig von ihrem Scharm verloren und passt ausgezeichnet ins Landschaftsbild. Zusammen mit Sonne satt sieht das dann etwas so aus:

Jonny auf der Via Tremola.

Schon bald fährt man aber wieder auf neuartigem Teer, was zum einen die arg durchgeschüttelten Arme entlastet (wir hatten keine Stossdämpfer am Velo!!) und zum anderen etwas höhere Tempi erlaubte. Wir trauten unseren Augen kaum, als wir im Nachhinein feststellen mussten, dass wir zeitweise mit gut 73 km/h unterwegs waren. Schnell waren wir in Ambri und durchquerten die Leventina. Schlagartig wechselte an dieser Stelle das Klima und wir fanden uns in mediterranen 30 Grad wieder (welche sich deutlich von den uns bekannten 30 Grad aus dem Baselbiet unterschieden!)

Nun liessen die steilen Abfahrten langsam aber sicher nach und es wurde immer flacher. Unser stetiger ungebetener Gast, der heftige Gegenwind, gestaltete die anschliessende Fahrt entlang des „Ticino“-Flusses nicht sonderlich angenehm. Um punkt 13:00 Uhr fuhren wir dann, nach gut 60 zurückgelegten Kilometern, in Biasca ein. Dort genehmigten wir uns eine leckere Pizza.

Ähnlich mühsam war dann die Strecke zwischen Biasca und Bellinzona, welche vergleichbar war mit den Strecken Stansstad-Beckenried oder Aarau-Sursee, die wir an den Tagen zuvor zurücklegen „durften“. Die Natur hatte auf diesen Teilstücken einfach nicht viel Spektakuläres zu bieten und auch die Streckenführung war mit vielen Geraden nicht sonderlich spannend. 

Nach viel Kampf und Tretarbeit kamen wir am späteren Nachmittag am Fusse des Monte Ceneri an. Dieser Pass verbindet als einzige innerschweizerische Möglichkeit den nördlichen Kantonsteil des Tessins, rund um Bellinzona, mit dem südlichen Teil. Was so einfach klingt, ist in Tat und Wahrheit ein weiterer heftiger Aufstieg, welcher uns auf neun Kilometern nochmals gut 300 Höhenmeter klettern liess, und dies bei Temperaturen um die 35 Grad und mit mittlerweile gut 270 Kilometern in den Knochen. 

Mit der letzten Willensleistung unserer Tour überquerten wir dann auch dieses Hindernis und fanden uns um ca. 17:45 Uhrauf der Passhöhe des Monte Ceneri wieder.   

Die letzten 20 Kilometer bis nach Lugano entwickelten sich dann zum Wettlauf gegen die Zeit. Da unsere Fahrräder bis spätestens 18:30 Uhr am Bahnhof Lugano abgegeben sein mussten, war ein Schnitt von gut 25 km/h pro Stunde nötig, um rechtzeitig am Schalter einzutreffen. Anstatt wie geplant gemütlich nach Lugano zu gondeln, radelten wir wie von der Tarantel gestochen in Richtung Lugano. Schliesslich in Lugano angekommen, mit Puls weit über dem Normalwert, kämpften wir uns mit halsbrecherischen Manövern die Via Cantonale hinab, vorbei an der um diese Zeit stehenden Blechschlange, und kamen um 18:20 am Bahnhof an. Phu, nochmals Glück gehabt. Gerade noch rechtzeitig konnten wir die Velos deponieren und unseren aufgegebenen Koffer in Empfang nehmen. 

Es dauerte dann eine geschlagene Stunde bis wir so richtig realisierten, dass wir ja jetzt tatsächlich in Lugano angekommen waren. 300 Kilometer später, über 3500 Höhenmeter weiter. Wow.

Was bleibt sind unzählige Erinnerungen an traumhafte Landschaftsbilder rund um die wunderschönen Seen und Berge der Schweiz, viele Stunden der totalen Erschöpfung und die Erinnerung an den Husarenritt unseres Lebens. 

Flanieren in Lugano...
Wenn sich das jemand verdient hat, dann wohl wir...
Sommer, Sonne, Strand: Nach drei Tagen Arbeit folgten zwei der Erholung am Lido di Lugano.

Kilometer:                                         124 km
Durchschnittsgeschw.                     18.3 km/h
Fahrzeit:                                             8 Stunden
Reisezeit:                                          10,5 Stunden

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