Montag, 7. November 2011

zufrieden sein! (?)

Grundsätzlich halte ich nicht viel von Studien. Normalerweise stehen irgendwelche Wissenschaftler dahinter, die nach gewissen Regeln (die kein Mensch versteht) eine gewisse Zielgruppe definieren, die in Alter, Bildung usw. in etwa der Bevölkerung entsprechen soll. Die Ergebnisse aus der Befragung von diesem vielleicht tausend-Mann-starken Abbild der Gesellschaft soll dann Rückschlüsse zulassen, die für die ganze Schweiz, ganz Europa oder vielleicht für die ganze Welt gelten sollen.

ABER: Natürlich gibt es auch unter den Studien Ausnahmen. Eine solche ist mir heute Morgen in einer Vorlesung aufgefallen. Unter dem einfachen Titel "Der Vortrag" wurde folgendes herausgefunden:

In den USA treffen sich jährlich die Verantwortlichen für das Weiterbildungsprogramm der University of Southern California School of Medicine zu einer Konferenz, so auch im Sommer 1970. Das hochgebildete Fachpublikum wohnte dann auch dem ersten Vortrag eines gewissen Myron L. Fox, seinerseits als "Autorität auf dem Gebiet der Anwendung von Mathematik auf menschliches Verhalten" bekannt, bei.

Was sie jedoch nicht wussten war, dass dieser Myron L. Fox in Wirklichkeit Schauspieler war und von dem Vortragsthema aber so was von gar keine Ahnung hatte. Seine Aufgabe bestand darin, mit leeren Worthülsen, geschickter Vortragstechnik und verwirrenden Sätzen dafür zu sorgen, dass das Publikum sein Unwissen nicht bemerken würde.

All das war natürlich Übungsanlage für eine Studie, die aufklären wollte, ob es möglich ist mit brillanter Vortragstechnik eine Gruppe von Experten so hinters Licht zu führen, dass diese den inhaltlichen Nonsens nicht bemerken würden.

Nun die Frage: Was denkst du, wie viele der Teilnehmer haben den Schwindel bemerkt? (Das ist jetzt eine ernste Frage, bevor du also, wie sonst auch immer, einfach weiterliest, überlegst du dir nun eine Zahl!)

Genau, niemand. Kaum war der Vortrag zu Ende begannen die Experten fleissig Fragen zu stellen. Diese wurden vom Schauspieler wiederum wortgewandt NICHT beantwortet. Auf dem Beurteilungsbogen der nach der Tagung versandt wurde gaben dann alle zehn Zuhörer an, der Vortrag habe sie zum Denken angeregt. Neun fanden zudem, Fox habe das Material gut geordnet, interessant vermittelt und ausreichend erklärende Beispiele eingebaut.

Die Experten liessen sich also vom Stil des Vortrags blenden und sich über dessen dürftigen Inhalt hinwegtäuschen. Weitere Experimente kamen zum selben Ergebnis, so dass diese Tatsache schon bald als "Dr.-Fox Effekt" bezeichnet wurde.

Und die Moral der Geschicht': Die Resultate lassen an der Aussagekraft von Unterrichtsevaluationen zweifeln. Wenn beispielsweise Studenten auf Fragebogen eine Lehrveranstaltung beurteilen, zeigt sich darin möglicherweise nicht viel mehr als ihre Zufriedenheit und eine daraus entstehende Illusion, etwas gelernt zu haben. Und die Kernaussage der Studie: "Unterrichten besteht aus viel mehr, als nur die Studenten glücklich zu machen."

Es entstand im Anschluss an die Studie die Diskussion, ob Schauspieler vielleicht sogar die besseren Lehrer seien? Vielleicht sogar die besseren Parlamentarier? Präsidenten?

Ob das stimmt, ich weiss es nicht. Fakt ist: Wenige Jahre später wurde Ronald Reagan Präsident der USA, seinerseits Schauspieler.


Quellen: NZZ Folio 10/04, "Das Experiment -- Hochstapler im Hörsaal", Reto U. Schneider


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