Dienstag, 7. August 2012

Drei Tage, zwei Freunde, ein Ziel: Einmal quer durch die Schweiz (Teil 3)


Etappe 3:

Holzbett, rotweiss karierte Bettdecken und eine beinahe antike Lampe auf einem kleinen Holztisch in der Ecke: So stellt man sich ein gemütliches Chalet-Zimmer vor. In einem solchen durften wir nach den schier unmöglichen Strapazen des Vortages eine äusserst erholsame Nacht verbringen, was auch bitter nötig war, denn heute galt es unser Meisterstück zu vollenden: Nichts wollten wir mehr, als das langersehnte Foto auf der Passhöhe des Gotthards. 

Die Jugendherberge Hospental befindet sich direkt am Anfang der Passstrasse über den Gotthard, so dass es gerade einmal geschätzte sechs Sekunden dauerte, bis uns ein Schild freundlich darauf aufmerksam machte, dass wir in den nächsten neun Kilometern nochmals 603 Höhenmeter zu überwinden hatten. Kann man denn schöner in einen Tag starten als mit einer solchen Information? Ja, man kann.

Der grosse und entscheidende Unterschied zum mörderischen Aufstieg des Vortages jedoch war, dass wir ausgeschlafen und einigermassen voll bei Kräften in die Pedale treten konnten. Diesmal würde es also weniger eine physische als eine psychische Herausforderung werden, sich wieder einmal knapp zwei Stunden gegen den Berg zu stemmen. Links; rechts; links; rechts – immer und immer weiter schlängelten wir uns den Pass hinauf und trotz eigentlich angenehmer Morgentemperaturen, floss der Schweiss wie aus Kübeln. Der Blick nach oben wollte irgendwie nicht so recht verraten, ob die nächste Kurve eventuell die letzte sein könnte oder bloss der Anfang eines noch etwas steileren Teilstückes. Lächerliche 5,5 Stundenkilometer „schnell“ waren wir durchschnittlich unterwegs und langsam aber sicher war die Geduld am Ende. 

Blick nach hinten.
Sogar der ansonsten stets musikfreie Jonas („Ich ha nur mi Willä, das längt!“) steckte sich nun seine Kopfhörer in die Ohren, um seine Gedanken weg vom niemals-enden-wollenden Aufstieg zu lenken.  Und dann plötzlich, nach der Ausfahrt aus einem kalten Tunnel, schien die Strasse weit oben am Horizont irgendwie abzuflachen und bog links hinter einen Felsvorsprung ab. Ist es das? Ist es tatsächlich das, was ich glaube? Steht hinter diesem verdammten Felsen endlich dieses Schild? 

In solchen Momenten zeigt sich dann wieder, wie sehr unser Körper von unseren Gedanken gelenkt wird, denn vom einen auf den anderen Moment war es plötzlich möglich, das Tempo trotz schmerzender Oberschenkel etwas zu verschärfen. Als wären die letzten eineinhalb Stunden vergessen, zog es uns dank des nun aufkommenden Hoffnungsschimmers förmlich den Berg hinauf. Im Bauch ein Gefühl, dass man sonst nur als Kind kennt, und zwar genau in dem Moment, in dem Mami das definitive OK gibt: „Ja, wir fahren morgen in den Europapark“. Es kann sich nur noch um Sekunden handeln: Entweder treffen wir auf das Schild, oder es handelt sich einfach nur um eine weitere Kurve auf dem Weg nach oben. 

Und da stand es. Zuerst ganz klein, weit weg und kaum zu erkennen. Aber wir fühlten es. Es muss es sein. Dann wurde es immer grösser, das Blau war nun klar zu erkennen und nach weiteren fünfzig Metern konnten wir es lesen: Gotthardpass, 2106 Meter.

Geschafft!
Gut eine Stunde nahmen wir uns nun Zeit, diesen Moment entsprechend zu geniessen. Erst dann liessen wir wieder Gedanken an die Weiterfahrt zu. Und genau jetzt kam das grosse Problem: Ja, wir hatten den Gotthardpass besiegt, aber was wir dabei völlig vergessen hatten war die Tatsache, dass uns heute die längste Etappe der Tour bevorstehend würde. Hatten wir bisher einmal 94 km und einmal 97 hinter uns gebracht, so waren es heute satte 124 Kilometer bis nach Lugano. Zieht man also die nun bereits geleisteten neun Kilometer ab, so wären dies noch genau 115 Kilometer bis zum Tour-Ende. Und da wären wir wieder beim Mentalen: Freude macht eine solche Erkenntnis nicht zwingend in allen Fällen…

Trotzdem: Das Wetter war gut, der Tag noch jung und die Freude über die Gotthard-Besteigung noch immer gross, so dass wir uns einigermassen gut gelaunt in die Abfahrt stürzten. Denn wer auf 2106 Meter hochkrachseln kann, der darf anschliessend auch wieder so ziemlich lange bergab sausen! 

Die ersten Meter der Abfahrt legt man auf der altehrwürdigen Via Tremola zurück. Dies ist eine Pflastersteinstrasse, deren Geschichte weit ins Mittelalter zurückreicht. Unterdessen ist die Strasse aber bereits mehrmals saniert und ausgebaut worden. Trotzdem hat die Strasse nur wenig von ihrem Scharm verloren und passt ausgezeichnet ins Landschaftsbild. Zusammen mit Sonne satt sieht das dann etwas so aus:

Jonny auf der Via Tremola.

Schon bald fährt man aber wieder auf neuartigem Teer, was zum einen die arg durchgeschüttelten Arme entlastet (wir hatten keine Stossdämpfer am Velo!!) und zum anderen etwas höhere Tempi erlaubte. Wir trauten unseren Augen kaum, als wir im Nachhinein feststellen mussten, dass wir zeitweise mit gut 73 km/h unterwegs waren. Schnell waren wir in Ambri und durchquerten die Leventina. Schlagartig wechselte an dieser Stelle das Klima und wir fanden uns in mediterranen 30 Grad wieder (welche sich deutlich von den uns bekannten 30 Grad aus dem Baselbiet unterschieden!)

Nun liessen die steilen Abfahrten langsam aber sicher nach und es wurde immer flacher. Unser stetiger ungebetener Gast, der heftige Gegenwind, gestaltete die anschliessende Fahrt entlang des „Ticino“-Flusses nicht sonderlich angenehm. Um punkt 13:00 Uhr fuhren wir dann, nach gut 60 zurückgelegten Kilometern, in Biasca ein. Dort genehmigten wir uns eine leckere Pizza.

Ähnlich mühsam war dann die Strecke zwischen Biasca und Bellinzona, welche vergleichbar war mit den Strecken Stansstad-Beckenried oder Aarau-Sursee, die wir an den Tagen zuvor zurücklegen „durften“. Die Natur hatte auf diesen Teilstücken einfach nicht viel Spektakuläres zu bieten und auch die Streckenführung war mit vielen Geraden nicht sonderlich spannend. 

Nach viel Kampf und Tretarbeit kamen wir am späteren Nachmittag am Fusse des Monte Ceneri an. Dieser Pass verbindet als einzige innerschweizerische Möglichkeit den nördlichen Kantonsteil des Tessins, rund um Bellinzona, mit dem südlichen Teil. Was so einfach klingt, ist in Tat und Wahrheit ein weiterer heftiger Aufstieg, welcher uns auf neun Kilometern nochmals gut 300 Höhenmeter klettern liess, und dies bei Temperaturen um die 35 Grad und mit mittlerweile gut 270 Kilometern in den Knochen. 

Mit der letzten Willensleistung unserer Tour überquerten wir dann auch dieses Hindernis und fanden uns um ca. 17:45 Uhrauf der Passhöhe des Monte Ceneri wieder.   

Die letzten 20 Kilometer bis nach Lugano entwickelten sich dann zum Wettlauf gegen die Zeit. Da unsere Fahrräder bis spätestens 18:30 Uhr am Bahnhof Lugano abgegeben sein mussten, war ein Schnitt von gut 25 km/h pro Stunde nötig, um rechtzeitig am Schalter einzutreffen. Anstatt wie geplant gemütlich nach Lugano zu gondeln, radelten wir wie von der Tarantel gestochen in Richtung Lugano. Schliesslich in Lugano angekommen, mit Puls weit über dem Normalwert, kämpften wir uns mit halsbrecherischen Manövern die Via Cantonale hinab, vorbei an der um diese Zeit stehenden Blechschlange, und kamen um 18:20 am Bahnhof an. Phu, nochmals Glück gehabt. Gerade noch rechtzeitig konnten wir die Velos deponieren und unseren aufgegebenen Koffer in Empfang nehmen. 

Es dauerte dann eine geschlagene Stunde bis wir so richtig realisierten, dass wir ja jetzt tatsächlich in Lugano angekommen waren. 300 Kilometer später, über 3500 Höhenmeter weiter. Wow.

Was bleibt sind unzählige Erinnerungen an traumhafte Landschaftsbilder rund um die wunderschönen Seen und Berge der Schweiz, viele Stunden der totalen Erschöpfung und die Erinnerung an den Husarenritt unseres Lebens. 

Flanieren in Lugano...
Wenn sich das jemand verdient hat, dann wohl wir...
Sommer, Sonne, Strand: Nach drei Tagen Arbeit folgten zwei der Erholung am Lido di Lugano.

Kilometer:                                         124 km
Durchschnittsgeschw.                     18.3 km/h
Fahrzeit:                                             8 Stunden
Reisezeit:                                          10,5 Stunden

Donnerstag, 2. August 2012

Drei Tage, zwei Freunde, ein Ziel: Einmal quer durch die Schweiz (Teil 2)


Etappe 2:

Unfassbar, wie viele schöne Momente uns bereits schon Etappe 1 gebracht hatte. Blaue Seen, saftige Wiesen und idyllische Flüsschen. Was wir hingegen eher weniger positiv in Erinnerung haben werden, ist der folgende Moment: Nach einer durchzogenen Nacht im 6er-Zimmer war es nun soweit, wieder auf den Sattel zu steigen. Und genau das, meine lieben, macht dann gar keine Freude. Auch hier hagelte es, teils kreative, teils alt bekannte und auch ein paar ausgelutschte Fluchwörter. Ich wage sogar zu behaupten, hätte Jonnys Velo sprechen können, es hätte wohl genauso geflucht ;-)

Zum Glück dauert es nur einige Minuten, bis sich die verwöhnten Bieri/Jonny-Gesässe wieder an die Situation gewöhnt hatten, denn nur so war es uns nämlich möglich, den Anblick des Vierwaldstädtersees in der Morgensonne zu geniessen:

08:00 Uhr, ein weiterer Sonnentag stand uns bevor.
Ganz ohne Isostar gings dann aber auch bei diesem Anblick nicht...
Spätestens jetzt waren alle Schmerzen und Weh-Wehchen wieder vergessen und die zweite Etappe konnte so richtig losgehen. 

Unser Erstes Ziel war die Autofähre bei Beckenried, mit welcher wir die Uferseite des Sees wechseln mussten, um dann auf der anderen Seite bis ganz ans Ende des Wassers zu fahren. Dort lag dann Flüelen und etwas später Altdorf, wo wir zu Mittag essen wollten. Ab Altdorf erwarteten wir dann den heftigsten Teil unserer Reise: den Aufstieg nach Hospental. Aber schön der Reihe nach.

Die Route führte von Luzern aus gesehen zuerst am rechten Seeufer entlang. Da fährt man dann an so schmucken Dörfchen wie Kastanienbaum vorbei, welche an einem Hang direkt am See gelegen sind. Was sich dort dann für Häuser, Villen und gar ganze Anwesen befanden, war schier unglaublich. Wer an diesem traumhaften Tag in die Morgensonne über dem Vierwaldstädtersee blickte wusste aber sofort: Wer will’s ihnen vergönnen?! Hätten wir etwas mehr Sackgeld dabei gehabt, ich glaube wir wären gleich geblieben. 

Weiter gings bis nach Stansstad, vorbei an der Glasi Hergiswil und mit traumhaftem Blick auf den Rigi, den Bürgenstock den Pilatus und nun auch auf das Stanserhorn. Party, einen See, wunderschöne Berge: Gibt es eigentlich etwas, dass man in Luzern nicht hat?!

Wie auf der ersten Etappe, hatte auch Etappe zwei ein etwas mühsameres, langweiligeres Stück. Dies folgte jetzt. Es galt nämlich den Bürgenberg zu umfahren, was einerseits ziemlich lange dauerte und uns anderseits den Blick auf den See verhinderte. Anstelle dessen ging es, wie könnte es auch anders sein, mit heftigem Gegenwind in Richtung Buochs. Viel gerade aus, links ein Berg, rechts ein Berg: Nein, das war ein Stück zum vergessen. 

Wieder am See angekommen legten wir noch einmal einen Halt ein, um ein paar Minuten einfach dazusitzen und den herrlichen Anblick zu geniessen:
Noch ist alles wie im Zauberland, aber schon bald...
Wenige Minuten später mussten wir dann feststellen, dass wir die Fähre knapp verpasst hatten und dadurch gut 40 Minuten verlieren würden. So kam es, dass wir erst um ca. 11:00 Uhr am anderen Ufer ankamen und das Tempo etwas anziehen mussten, um rechtzeitig zum Mittagessen in Altdorf zu sein. 
Auf dem Oberdeck...
...auf die andere Seite des Vierwaldstädtersees!
Nach 42 Kilometern erreichten wir das Städchen Brunnen, welches in vielerlei Hinsicht unsere Aufmerksamkeit erhielt: Zum einen lag es genau in der Mitte einer Kurve, von der aus man sowohl ins Tal des Vierwaldstädtersees in Richtung Luzern blicken konnte, gleichzeitig aber auch ins Tal des Urnersees und somit in Richtung Gotthard. Wir schlossen also mit Rigi, Bürgenstock und Kollegen ab und mussten uns von nun an, wohl oder übel, mit dem Gotthardpass beschäftigen. Zum anderen ist Brunnen an sich aber auch schon ein Besuch wert, direkt am See gelegen. Und nicht zuletzt erhascht man von Brunnen aus auch einen Blick auf das Schwyzer Wahrzeichen, den kleinen und den grossen Mythen. 

Von nun an befanden wir uns im „Tell-Gebiet“, was nicht zuletzt an den zahlreichen „Hotel Tell“, „Spaghetti Apfelschuss“ oder „Gasthof zum Wilhelm“ zu erkennen war. Diesen kulturellen Teil unserer Reise wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen und stiegen, trotz mächtigem Hunger, zwischen Sisikon und Flüelen hinab zur sagenumworbenen Tellsplatte samt Kapelle. Hier soll ja gemäss Legende der Schweizer Volksheld Wilhelm Tell vom Boot des Landvogts Gessler gesprungen sein, um diesen dann, etwas später, in der Hohlen Gasse zu erschiessen. 

Schon hatten wir bereits wieder knapp 60 Kilometer in den Beinen, als wir um ca. 13:00 Uhr in Altdorf einfuhren, vorbei am Tell-Denkmal direkt zu Pizza und „Würschtli“ im Teig. 

Langsam aber sicher beschlich uns dann ein etwas mulmiges Gefühl. Der Blick nach hinten, ins Tal, versprach nichts Gutes. Links, rechts und gerade aus zeigte sich die Natur von ihrer mächtigsten Seite und türmte Steinkolosse von angsteinflössender Höhe. Egal welches der Gotthard war, über irgendeinen dieser Monster mussten wir klettern, wenn wir ins Tessin wollen.
Blick ins Tal der schmerzenden Oberschenkel. Vorne zieht die Reuss durch das Gebirge.
Zusammen mit der Autobahn und der Reuss schlängelten wir uns ab jetzt also in Richtung Gotthard. Es folgten die aus den Verkehrsmeldungen bekannten Ortschaften wie Erstfeld, Amsteg, Wassen, und Göschenen. 
Unser erstes Ziel war vorerst einmal Amsteg, welches als letzte Ortschaft wohl noch ziemlich flach zu erreichen war. In Amsteg dann bogen wir auf die „Gotthardstrasse“ ein, was gleichbedeutend war mit dem Beginn der wohl heftigsten Stunden unseres Lebens. Von nun an ging es nämlich fast ausschliesslich nur noch bergauf, und dies grösstenteils mit einer Steigung über 10% (!!). Auf gut 25 Kilometern mussten wir über 1000 (!!) Höhenmeter überwinden. Im Schneckentempo und bei brütender Hitze kämpften wir uns von nun an das Tal hinauf. Vorbei an Gurtnellen, wo immer noch an der zerstörten Bahnstrecke gearbeitet wurde, trampten wir in Richtung Wassen. Obwohl wir dort noch nicht annähernd etwas erreicht hatten, mussten wir einen längeren Halt im Restaurant einlegen um, erstens, die Batterien aufzuladen, und zweitens unsere Ängste und Sorgen in Anbetracht des Kommenden mitzuteilen. Und diese Sorgen waren durchaus berechtigt, denn was nun folgte, war beinahe zu viel des Guten: Der Anstieg nach Göschenen verlangte uns alles ab, was wir hatten und bescherte uns zitternde Beine, als wir dann endlich direkt neben dem Eingang des Autobahn-Tunnels standen. Dass mit der bekannten Schöllenen-Schlucht nun der heftigste Teil der Etappe bevorstand, sei nur so am Rande erwähnt. Der Legende zufolge gingen die Talbewohner zum Bau der Schöllenenbrücken einen Pakt mit dem Teufel ein. Dieser versprach, den Brückenbau um den Preis der ersten Seele, die darüber läuft, zu übernehmen. Die Bewohner aber schickten als erstes einen Ziegenbock über die Brücke, worauf der Teufel wütend versuchte, sein Werk mit einem  riesigen Felsbrocken wieder zu zerstören. Einem alten Mütterchen hingegen gelang es in letzter Sekunde, ein Kreuz auf den Stein zu malen, was ihn für den Teufel unverrückbar machte.

Der Teufelsstein auf einem Bild von artlog.livejournal.com
Genau diesen Stein bewunderten wir während unseres letzten Halts vor dem Schöllenen-Aufstieg.

Mittlerweile war es fast 18:00 Uhr und wir waren  Platt wie eine Flunder. Das Einzige was uns jetzt noch antrieb war der eiserne Wille, der Hunger und die Fähigkeit, den verdammten Sauhund zu überwinden!

Und tatsächlich: Nach einer weiteren Stunde auf der knallharten und stetig richtig steil steigenden Schöllenenstrasse erreichten wir Andermatt. Nach dieser Leistung waren die darauf folgenden 15 Fahrminuten nach Hospental nicht mehr der Rede wert und wir kamen nach unglaublichen acht Stunden reiner Fahrzeit endlich in der Jugendherberge Hospental an. 

Hätten wir bereits in Amsteg gewusst, was uns in den folgenden Stunden erwarten würde, ich glaube wir hätten es nicht gepackt. So aber liessen wir uns aber so richtig völlig ausgepumpt ins Bett fallen und träumten stolz von einer der grössten Leistungen unseres noch jungen Lebens.

Aber Achtung: Wer in Hospental angekommen ist, hat noch nicht den Gotthardpass überquert. Und genau dieser Denkfehler sollte uns am kommenden Tag zum Verhängnis werden. Den Bericht gibt’s in Bälde.

Kilometer:                                          97km
Durchschnittsgeschw.                       11.3 km/h
Fahrzeit:                                             8 Stunden
Reisezeit:                                           11 Stunden

Mittwoch, 1. August 2012

Drei Tage, zwei Freunde, ein Ziel: Einmal quer durch die Schweiz


Endlich! Um genau 18:14 Uhr glitzerte uns die Wasseroberfläche des Luganersee am Horizont entgegen: Nach 314 Kilometern, rund 3500 überwundenen Höhenmetern und kräftezehrenden 22,5 Stunden auf dem Velo, wurde das niemals für möglich gehaltene wahr: Wir Amateure, totale Nicht-Velofahrer und bekennenden Heimscheisser, fuhren ohne auch nur einen einzigen gelaufenen, gerobbten oder motorisiert zurückgelegten Zentimeter  in Lugano ein. Als Erinnerung bleibt: Der Husarenritt unseres Lebens!

Der Plan:

Einmal quer durch die Schweiz, und zwar mit dem Velo:

Team:                   Jonny, Bieri
Route:                  Nationale Nord-Süd-Route (Route 3)
Start:                    Liestal, Bahnhof
Ziel:                      Lugano, Bahnhof
Distanz:               314 Kilometer
Höhenmeter:        rund 3500 Meter
Etappen:              Tag 1: Liestal – Luzern
                             Tag 2: Luzern – Hospental
                             Tag 3: Hospental – Lugano

Etappe 1, Liestal - Luzern:

Montagmorgen: Die ganze Tour stand schon vor unserem Antritt unter einem schlechten Stern. Ich hatte mir am Wochenende eine Bänderverletzung zugezogen und entschied erst am Vorabend, mit einer Gelenkstütze trotzdem anzutreten. Jonny verliess denselben Anlass wie ich mit einer Zehen-Prellung, die sich bald FCB-mässig rot-blau verfärbte. 

Allen Schmerzen zum Trotz: Wir verschoben pünktlich und wie abgemacht früh morgens nach Liestal, um dort unsere Mietvelos abzuholen. Im Schlepptau je zwei Velotaschen gefüllt mit Bidons, Wechselkleidung und Riegel für zwischendurch sowie einem Koffer.  Diesen übergaben wir am Bahnhof den SBB mit der Bitte, ihn doch für uns nach Lugano zu liefern. Dies taten sie dann auch – nach Bezahlung der entsprechenden Gebühr. 

Nach ersten kleinen Probefahrten auf den unbekannten Velos, der Velotaschen-Montage und einem letzten Blick in die Karte, entstand dann dieses Foto:

08:30 Uhr: Abfahrt an der Velostation Liestal

Und so ging es endlich los! Die erste Etappe sollte uns von Liestal 94 Kilometer weiter bis nach Luzern führen. Grösste Schwierigkeit auf dem Teilstück würde wohl die Schafmatt zu Oltingen darstellen. Die auf 840 Metern gelegene Höhe ist Teil des Juragebirges und trennt mitunter die Kantone Baselland und Solothurn. Bereits nach einer Stunde erreichten wir den Fuss dieses Aufstiegs in Rothenfluh. Völlig unerfahren und unwissend schalteten wir also ein paar Gänge zurück und strampelten munter den Berg hinauf. Bereits nach wenigen Minuten begannen die Oberschenkel-Muskeln auf der teils extrem steilen Strecke zu brennen. Etwas geschockt von der Intensität des Aufstiegs setzten wir uns ein erstes Mal an den Strassenrand. Welche Kraftausdrücke dann folgten, lassen wir an dieser Stelle beiseite. Ja kann das denn wirklich wahr sein, dass wir bereits jetzt an unsere Leistungsgrenze stossen? Unsere Oberschenkel antworteten auf diese Frage bereits mit einem leichten Nicken, unsere Dickschädel hingegen winkten vehement ab!  Also ging es weiter im Schneckentempo und mit viel viel Wille. Endlich entdeckten wir das Ortsschild von Anwil. Geschafft! Völlig durchnässte T-Shirts, schwitzige Hände und brennende Oberschenkel erhielten eine Auszeit um dann, nach einer kurzen Abfahrt – nein, jetzt aber nicht im Ernst oder? – oh doch, zum nächsten Anstieg zu gelangen. Gemäss Karte war der Aufstieg nach Anwil bestenfalls die Aufwärmrunde gewesen für das, was nun folgte. Doppelt so lange und noch einmal etwas steiler führte der Weg durch den Wald hoch auf die Schafmatt. Und erstmals kamen klitzekleine Zweifel auf, ob wir uns vielleicht nicht doch etwas übernommen hatten?! Nach jedem Rank gleich nochmals einer. Die Hoffnung, der nächste würde wohl der letzte Sein, wurde gleich mehrmals jäh begraben.

Mit unglaublich viel Kampf, tollem Einsatz und einer grandiosen Willensleistung trafen wir um ca. 10:30 Uhr dann doch noch auf dem Gipfel ein und dürfen im Nachhinein stolz sagen: Dieser Aufstieg bleibt auch nach dem Ende der Tour immer noch einer der härtesten, den wir gepackt hatten!

Herrliche Aussicht in Richtung Baselbiet...
...und in Richtung Solothurn.
Wenigstens ist die Natur so fair und liefert nach beinahe jedem grässlichen Aufstieg auch gleich eine rasante und spassige Abfahrt nach. So auch jetzt, als wir mit teilweise rund 60 km/h und einer gehörigen Portion Stolz ob dem Geleisteten in Richtung Rohr SO sausten. An dieser Stelle deshalb ein recht herzliches Dankeschön an Mutter Natur. Über Stüsslingen fuhren wir dann bis an das Ufer der Aare und diesem entlang bis nach Aarau, wo wir unseren Mittagshalt machten. Als klassische Sportlernahrung hatten wir uns Hackbraten mit Kroketten und Bohnen ausgesucht. Vielleicht hätte man jetzt auch ein anderes Menu wählen können…naja…Geschmeckt hat es jedenfalls ausgezeichnet.

40 Kilometer hatten wir also bereits zurückgelegt und weitere 30 sollten uns nun zu unserem zweiten Zwischenziel bringen: Nach Sursee, zur anschliessenden Fahrt entlang des Sempachersees. 

Eigentlich hätte ja wettermässig alles gepasst: Blauer Himmel, Sonne satt und angenehme Temperaturen – wäre da nicht dieser fiese Gegenwind gewesen. Das Teilstück bis nach Sursee wäre grundsätzlich ein einfaches gewesen, zwar stetig etwas steigend, aber doch viel gerade aus. Dieser äusserst gemeine, richtig fiese und fast schon hinterhältige Gegenwind sorgte aber dafür, dass sogar dieses Stück zur Prüfung wurde. Unnötig viel Gestrampel, eine eher bescheiden schöne Landschaft und die Tatsache, dass 30 Kilometer gerade aus sehr sehr lang sein können, machten dieses Teilstück zu einem der mühsamsten der Tour. 

Nach ziemlich genau fünf Stunden reiner Fahrzeit erreichten wir dann endlich das wunderschöne Städtchen Sursee (Tatsächlich einmal einen Ausflug wert!). Nach der anstrengenden Fahrt ab Aarau, genossen wir die paar Kilometer entlang des Sempachersees umso mehr und erfreuten uns an dem herrlichen Landschaftsbild. Wasser, Berge, Sonnenschein: Einfach nur herrlich!

Blick über den Sempachersee. Im Hintergrund türmen sich bereits die Berge...
Der isotonische Freund - bei diesen Temperaturen unverzichtbar!

Stärkung für das letzte Teilstück
Mittlerweile hatte es bereits 16:00 Uhr geschlagen. Das letzte Teilstück des Tages enthielt noch einmal einen mittleren Anstieg und danach eine kleine Abfahrt, die wir in gut einer Stunde hinter uns brachten um dann, punkt 17:00 Uhr, endlich in der Jugendherberge Rotsee anzukommen. 

Yes!!!
Nach der wohlverdienten Dusche und einer ordentlichen Menge Perskindol an den Oberschenkeln, wagten wir uns nach langem hin und her am Ende doch noch auf einen kleinen Ausflug in die Stadt. Dort machten wir es uns beim Italiener gemütlich und liessen den Tag bei einem kühlen Bier ausklingen.

Traumhafte Bilder zum Abschluss einer strengen ersten Etappe.


Etappe 1 in Zahlen:

Kilometer:                                         94 km
Durchschnittsgeschwindigkeit:        14,5 km/h
Fahrzeit:                                            6,5 Stunden
Reisezeit:                                          8,5 Stunden

Am kommenden Tag würde uns die wohl strengste Etappe der Tour bevor stehen. Entlang des Vierwaldstädtersees hoch hinauf nach Andermatt. Den Bericht dazu gibts in Bälde.