Donnerstag, 2. August 2012

Drei Tage, zwei Freunde, ein Ziel: Einmal quer durch die Schweiz (Teil 2)


Etappe 2:

Unfassbar, wie viele schöne Momente uns bereits schon Etappe 1 gebracht hatte. Blaue Seen, saftige Wiesen und idyllische Flüsschen. Was wir hingegen eher weniger positiv in Erinnerung haben werden, ist der folgende Moment: Nach einer durchzogenen Nacht im 6er-Zimmer war es nun soweit, wieder auf den Sattel zu steigen. Und genau das, meine lieben, macht dann gar keine Freude. Auch hier hagelte es, teils kreative, teils alt bekannte und auch ein paar ausgelutschte Fluchwörter. Ich wage sogar zu behaupten, hätte Jonnys Velo sprechen können, es hätte wohl genauso geflucht ;-)

Zum Glück dauert es nur einige Minuten, bis sich die verwöhnten Bieri/Jonny-Gesässe wieder an die Situation gewöhnt hatten, denn nur so war es uns nämlich möglich, den Anblick des Vierwaldstädtersees in der Morgensonne zu geniessen:

08:00 Uhr, ein weiterer Sonnentag stand uns bevor.
Ganz ohne Isostar gings dann aber auch bei diesem Anblick nicht...
Spätestens jetzt waren alle Schmerzen und Weh-Wehchen wieder vergessen und die zweite Etappe konnte so richtig losgehen. 

Unser Erstes Ziel war die Autofähre bei Beckenried, mit welcher wir die Uferseite des Sees wechseln mussten, um dann auf der anderen Seite bis ganz ans Ende des Wassers zu fahren. Dort lag dann Flüelen und etwas später Altdorf, wo wir zu Mittag essen wollten. Ab Altdorf erwarteten wir dann den heftigsten Teil unserer Reise: den Aufstieg nach Hospental. Aber schön der Reihe nach.

Die Route führte von Luzern aus gesehen zuerst am rechten Seeufer entlang. Da fährt man dann an so schmucken Dörfchen wie Kastanienbaum vorbei, welche an einem Hang direkt am See gelegen sind. Was sich dort dann für Häuser, Villen und gar ganze Anwesen befanden, war schier unglaublich. Wer an diesem traumhaften Tag in die Morgensonne über dem Vierwaldstädtersee blickte wusste aber sofort: Wer will’s ihnen vergönnen?! Hätten wir etwas mehr Sackgeld dabei gehabt, ich glaube wir wären gleich geblieben. 

Weiter gings bis nach Stansstad, vorbei an der Glasi Hergiswil und mit traumhaftem Blick auf den Rigi, den Bürgenstock den Pilatus und nun auch auf das Stanserhorn. Party, einen See, wunderschöne Berge: Gibt es eigentlich etwas, dass man in Luzern nicht hat?!

Wie auf der ersten Etappe, hatte auch Etappe zwei ein etwas mühsameres, langweiligeres Stück. Dies folgte jetzt. Es galt nämlich den Bürgenberg zu umfahren, was einerseits ziemlich lange dauerte und uns anderseits den Blick auf den See verhinderte. Anstelle dessen ging es, wie könnte es auch anders sein, mit heftigem Gegenwind in Richtung Buochs. Viel gerade aus, links ein Berg, rechts ein Berg: Nein, das war ein Stück zum vergessen. 

Wieder am See angekommen legten wir noch einmal einen Halt ein, um ein paar Minuten einfach dazusitzen und den herrlichen Anblick zu geniessen:
Noch ist alles wie im Zauberland, aber schon bald...
Wenige Minuten später mussten wir dann feststellen, dass wir die Fähre knapp verpasst hatten und dadurch gut 40 Minuten verlieren würden. So kam es, dass wir erst um ca. 11:00 Uhr am anderen Ufer ankamen und das Tempo etwas anziehen mussten, um rechtzeitig zum Mittagessen in Altdorf zu sein. 
Auf dem Oberdeck...
...auf die andere Seite des Vierwaldstädtersees!
Nach 42 Kilometern erreichten wir das Städchen Brunnen, welches in vielerlei Hinsicht unsere Aufmerksamkeit erhielt: Zum einen lag es genau in der Mitte einer Kurve, von der aus man sowohl ins Tal des Vierwaldstädtersees in Richtung Luzern blicken konnte, gleichzeitig aber auch ins Tal des Urnersees und somit in Richtung Gotthard. Wir schlossen also mit Rigi, Bürgenstock und Kollegen ab und mussten uns von nun an, wohl oder übel, mit dem Gotthardpass beschäftigen. Zum anderen ist Brunnen an sich aber auch schon ein Besuch wert, direkt am See gelegen. Und nicht zuletzt erhascht man von Brunnen aus auch einen Blick auf das Schwyzer Wahrzeichen, den kleinen und den grossen Mythen. 

Von nun an befanden wir uns im „Tell-Gebiet“, was nicht zuletzt an den zahlreichen „Hotel Tell“, „Spaghetti Apfelschuss“ oder „Gasthof zum Wilhelm“ zu erkennen war. Diesen kulturellen Teil unserer Reise wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen und stiegen, trotz mächtigem Hunger, zwischen Sisikon und Flüelen hinab zur sagenumworbenen Tellsplatte samt Kapelle. Hier soll ja gemäss Legende der Schweizer Volksheld Wilhelm Tell vom Boot des Landvogts Gessler gesprungen sein, um diesen dann, etwas später, in der Hohlen Gasse zu erschiessen. 

Schon hatten wir bereits wieder knapp 60 Kilometer in den Beinen, als wir um ca. 13:00 Uhr in Altdorf einfuhren, vorbei am Tell-Denkmal direkt zu Pizza und „Würschtli“ im Teig. 

Langsam aber sicher beschlich uns dann ein etwas mulmiges Gefühl. Der Blick nach hinten, ins Tal, versprach nichts Gutes. Links, rechts und gerade aus zeigte sich die Natur von ihrer mächtigsten Seite und türmte Steinkolosse von angsteinflössender Höhe. Egal welches der Gotthard war, über irgendeinen dieser Monster mussten wir klettern, wenn wir ins Tessin wollen.
Blick ins Tal der schmerzenden Oberschenkel. Vorne zieht die Reuss durch das Gebirge.
Zusammen mit der Autobahn und der Reuss schlängelten wir uns ab jetzt also in Richtung Gotthard. Es folgten die aus den Verkehrsmeldungen bekannten Ortschaften wie Erstfeld, Amsteg, Wassen, und Göschenen. 
Unser erstes Ziel war vorerst einmal Amsteg, welches als letzte Ortschaft wohl noch ziemlich flach zu erreichen war. In Amsteg dann bogen wir auf die „Gotthardstrasse“ ein, was gleichbedeutend war mit dem Beginn der wohl heftigsten Stunden unseres Lebens. Von nun an ging es nämlich fast ausschliesslich nur noch bergauf, und dies grösstenteils mit einer Steigung über 10% (!!). Auf gut 25 Kilometern mussten wir über 1000 (!!) Höhenmeter überwinden. Im Schneckentempo und bei brütender Hitze kämpften wir uns von nun an das Tal hinauf. Vorbei an Gurtnellen, wo immer noch an der zerstörten Bahnstrecke gearbeitet wurde, trampten wir in Richtung Wassen. Obwohl wir dort noch nicht annähernd etwas erreicht hatten, mussten wir einen längeren Halt im Restaurant einlegen um, erstens, die Batterien aufzuladen, und zweitens unsere Ängste und Sorgen in Anbetracht des Kommenden mitzuteilen. Und diese Sorgen waren durchaus berechtigt, denn was nun folgte, war beinahe zu viel des Guten: Der Anstieg nach Göschenen verlangte uns alles ab, was wir hatten und bescherte uns zitternde Beine, als wir dann endlich direkt neben dem Eingang des Autobahn-Tunnels standen. Dass mit der bekannten Schöllenen-Schlucht nun der heftigste Teil der Etappe bevorstand, sei nur so am Rande erwähnt. Der Legende zufolge gingen die Talbewohner zum Bau der Schöllenenbrücken einen Pakt mit dem Teufel ein. Dieser versprach, den Brückenbau um den Preis der ersten Seele, die darüber läuft, zu übernehmen. Die Bewohner aber schickten als erstes einen Ziegenbock über die Brücke, worauf der Teufel wütend versuchte, sein Werk mit einem  riesigen Felsbrocken wieder zu zerstören. Einem alten Mütterchen hingegen gelang es in letzter Sekunde, ein Kreuz auf den Stein zu malen, was ihn für den Teufel unverrückbar machte.

Der Teufelsstein auf einem Bild von artlog.livejournal.com
Genau diesen Stein bewunderten wir während unseres letzten Halts vor dem Schöllenen-Aufstieg.

Mittlerweile war es fast 18:00 Uhr und wir waren  Platt wie eine Flunder. Das Einzige was uns jetzt noch antrieb war der eiserne Wille, der Hunger und die Fähigkeit, den verdammten Sauhund zu überwinden!

Und tatsächlich: Nach einer weiteren Stunde auf der knallharten und stetig richtig steil steigenden Schöllenenstrasse erreichten wir Andermatt. Nach dieser Leistung waren die darauf folgenden 15 Fahrminuten nach Hospental nicht mehr der Rede wert und wir kamen nach unglaublichen acht Stunden reiner Fahrzeit endlich in der Jugendherberge Hospental an. 

Hätten wir bereits in Amsteg gewusst, was uns in den folgenden Stunden erwarten würde, ich glaube wir hätten es nicht gepackt. So aber liessen wir uns aber so richtig völlig ausgepumpt ins Bett fallen und träumten stolz von einer der grössten Leistungen unseres noch jungen Lebens.

Aber Achtung: Wer in Hospental angekommen ist, hat noch nicht den Gotthardpass überquert. Und genau dieser Denkfehler sollte uns am kommenden Tag zum Verhängnis werden. Den Bericht gibt’s in Bälde.

Kilometer:                                          97km
Durchschnittsgeschw.                       11.3 km/h
Fahrzeit:                                             8 Stunden
Reisezeit:                                           11 Stunden

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